Franzi’s Welt: Ein Resumé

Das Leben, die Realität ist keine Geschichte. Es gibt keinen Anfang und kein Ende, keine Stringenz, keine begrenzte Zahl an Charakteren, keinen Plot. Dafür umso mehr Chaos. So kommt mir auch meine Zeit als Au Pair, die ja auch noch nicht vorbei ist, wie ein Wust aus Erfahrungen und Erinnerungen vor. Da ist ein ganzer Dschungel aus Gefühlen, übertroffenen Erwartungen und Enttäuschungen, erfüllten Träumen und verpassten Chancen, wunderbaren Menschen und solchen, die man am liebsten nie getroffen hätte, inspirierenden Orten und solchen, die man am liebsten nie besucht hätte, Stolz auf die neue Franzi und Vermissen der alten, ein geteiltes Leben in drei Zuhausen, zwei Familien… Es scheint unmöglich, diesen Dschungel für Außenstehende verständlich zu machen, geschweige denn ihn in einen Text zu fassen. Ich gebe aber mein bestes.Niagara Falls

Zwar habe ich über sie schon viel geschrieben, aber ich kann sie in einem Resume einfach nicht unerwähnt lassen – meine geliebte Gastfamilie! Familie, Zuhause, Job. Wie funktioniert das überhaupt alles zusammen? Es ist sicher nicht immer einfach. Da sind diese Tage, an denen man die Kinder nicht mehr hören, die Gasteltern nicht mehr sehen will. Die Tage, an denen man nicht nur formell frei haben sondern tatsächlich auch frei sein will. An denen müssen dann klassischerweise die Gasteltern weg, ein Kind wird krank oder andere Notfälle treten auf. Aber es gibt eben auch all die schönen Momente. Wenn man an einem Montagmorgen missmutig aufsteht und von drei großen Umarmungen und 983750 Küssen begrüßt wird, nachdem man übers Wochenende weg war. Wenn man ein „Thank you so much for all you are doing“, von den Gasteltern hört. Wenn man mitten in der Nacht vom Flughafen abgeholt wird, weil der Flug Verspätung hatte. Wenn man abends zusammen sitzt, redet, lacht, eine Familie ist. Dann ist das so viel mehr Wert als geregelte Arbeitszeiten und absolute Unabhängigkeit.Seattle

Und doch – wäre ich immer nur mit meiner Gastfamilie zusammen, wäre ich inzwischen wahrscheinlich schon wahnsinnig geworden. Denn man braucht eben doch mehr. Menschen, die dir zuhören, wenn du dich mal so richtig auskotzen musst. Menschen, mit denen du so gut lachen, wie weinen kannst. Menschen, die auch für dich da sind, wenn ihr euch mal nicht seht, du dich mal nicht meldest. Menschen, die mit dir reisen, entdecken, Erinnerungen schaffen. Woher diese Menschen kommen? Wie weit diese Menschen von dir entfernt sind? Welche Muttersprache, welchen Hintergrund diese Menschen haben? Welche Ziele sie verfolgen, welche Vorstellungen sie vom Leben haben? Das ist meist völlig egal. Es ist ein bisschen wie im Urlaub, wenn man sich innerhalb kürzester Zeit Fremden so nah fühlt, mit denen man „im echten Leben“ sonst nichts zu tun hätte. Meine (Au Pair) Freundinnen kommen aus Deutschland, Österreich, China, Brasilien, Italien, Polen, den USA… Sie überraschen mich oft, mit ihrer Kultur, ihrer Einstellung, ihren Ideen. Das kann schwierig sein, vor den Kopf stoßend. Ist meistens aber unheimlich spannend, inspirierend und bereichernd. Denn ohne diese Menschen, die mich fordern und zum Umdenken bringen, wäre ich nicht die Person, die ich jetzt bin. Ich würde viele Dinge als unmöglich abtun, hätte viele Orte nie gesehen, viele Erfahrungen nie gemacht und Gespräche nie geführt. Danke an alle, die dazu beigetragen haben, ob bewusst oder nicht.Washington DC

Bevor ich hierher kam, wollte ich billige Klamotten bis zum Umfallen shoppen, den amerikanischen „way of life“ leben, wie ich ihn mir eben so vorstellte und nebenbei noch in große, glamouröse Städte reisen. Inzwischen weiß ich nicht, wann ich das letzte Mal wirklich shoppen war, es interessiert mich nicht mehr und ich möchte mein Geld dafür nicht ausgeben. Die amerikanische Mentalität ist mir teils sehr ans Herz gewachsen; ohne ein „How are you?“ fühle ich mich nicht vollständig gegrüßt, Halloween und Thanksgiving fiebere ich seit Monaten entgegen. Oft schüttele ich jedoch auch den Kopf über verrückte Sitten und bin innerlich ganz schön stolz aus Deutschland – dem Land der Mülltrennung und des Oktoberfests – zu kommen. Das Reisen wurde zu einer meiner größten Leidenschaften, sodass ich mir ein Leben ohne nicht mehr vorstellen kann. Die Aufregung, etwas Neues zu entdecken, die Vorfreude, das Glück, die Erinnerungen. Fernweh ist mein zweiter Vorname, ohne die Planung eines nächsten Trips werde ich nervös. Dabei ist es mir egal, ob es in eine Großstadt geht, die Natur, ein kleines Dorf. Egal, ob mein Ziel bekannt ist oder nicht. Ob es spektakulär ist oder nicht. Es geht mir um das Neue, das Andere, das aus dem Alltag ausbrechen. Und doch ist es all das nicht, was meine Zeit hier ausmacht. Sie wird von Menschen, Erfahrungen und Reisen beeinflusst, aber nicht ausgemacht. Das kann nur ich.

Bevor ich hierher kam, wurde mir die Frage gestellt: „Was erwartest du von dem Jahr?“ Nichts. Was soll das Jahr denn tun? Ich erwartete etwas von mir. Ich erwartete von mir, dieses Jahr (aus dem heimlich still und leise mehr als ein Jahr wurde) zu etwas Besonderem, etwas Einzigartigem zu machen. Ich erwartete von mir, nicht auf den passenden Moment zu warten, sondern Chancen zu ergreifen, Hindernisse zu überspringen und meine Träume zu verwirklichen. Das ist nicht immer leicht, das ist oft mit Angst, Zähne zusammenbeißen und Übermüdung verbunden. Aber das ist es wert. Denn das macht diese Zeit, dieses Abenteuer, zur bisher besten meines Lebens.

Unter dem Tag Franzis Welt findest du alle Beiträge von Franzi, die in unserem Blog veröffentlicht werden.

Franzi beitreibt einen eigenen Blog. Schau mal rein um noch mehr aus ihrem spannenden Leben zu erfahren: https://franziefliegt.wordpress.com/

Natural Bridge

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