Franzi’s Welt: Die perfekte Gastfamilie?

„Geh nicht nach dem Ort. „Hab keine Erwartungen.“ „Schließ keine Familie aus.“ „Das Bauchgefühl muss stimmen.“

Solche und ähnliche Ratschläge bekommt man von Agentur, ehemaligen Au Pairs und Bekannten vor dem Au Pair Jahr. Und das macht ja auch Sinn, man möchte ja nicht oberflächlich sein, sich nicht von schönen Orten und materiellen Anreizen blenden lassen. Und doch. Und doch haben wir alle unsere perfekte Gastfamilie im Kopf. In meinem Fall hatte diese zwei Schulkinder, einen Hund oder eine Katze und lebte in New York oder Boston. Dann kam mein erster Familienvorschlag. Brooklyn, zwei Schulkinder, nur das Haustier fehlte. Dazu kamen allerdings angekündigte Karibikurlaube, ein I-Phone, bezahlte Gym Mitgliedsschaft, perfekt übereinstimmende Hobbies der Kinder und mir, spannende Jobs der Eltern. Da war sie, die „perfekte“ Familie. Die Familie, bei der von Äußerlichkeiten und Fakten bis zum Gefühl alles stimmte. Alles gut. Bis sie mir absagten. Es sei eine schwere Entscheidung gewesen, ich sei ein wunderbares Mädchen, werde sicherlich eine tolle Familie finden. All die Träume, Anreize, Ankündigungen, Versprechungen zerplatzten in einer kurzen, amerikanisch überfreundlichen Email.

Wochen vergingen mit viel Traurigkeit, Unsicherheit, Zweifeln. Und ohne Neuigkeiten. Bis ich dann an meinem PC saß, mich vom Abi Lernen abzulenken versuchte und eine Email mit dem Betreff „Explore our World…in America…“ bekam. Mein erster Gedanke? Werbung.

Zahlreiche Emails und sechs Skypegespräche in weniger als einer Woche später hatte ich mit der „Explore our World“ Gastfamilie gematcht. Meiner Gastfamilie. Einer Familie mit drei Kindern, zwei davon vierjährige Zwillinge, die noch nicht in die Schule gingen. Einer Familie ohne Haustiere. Einer Familie aus Musikern, in der alle drei Kinder Instrumente spielen (ich nicht). Einer Familie, die durch die Jobs der Eltern drei verschiedene Wohnorte in Städten hat, von denen ich noch niemals etwas gehört hatte. Warum habe ich mich für diese Familie entschieden? Eben wegen dem berühmten Bauchgefühl. Meiner Hostmum erzählte ich schon bei einem der ersten Skypegespräche mehr über mich als einigen langjährigen Freunden. Mit meinem Hostdad lag ich auf einer Wellenlänge, wir lachten nach ein paar Minuten herzlich miteinander. Die Kinder waren unendlich süß, chaotisch, warmherzig. Dazu kam der Reiz des Neuen, ein Leben an drei Orten, wer hat das schon?Zuhause fühlen

Und so ging es für mich nach den Orientations in ein kleines Dorf im Norden Connecticuts. Neben den überschwänglichen Begrüßungen der Kinder, der Orientierungslosigkeit im Haus, der Warmherzigkeit meiner Gasteltern und der Gastoma, ist mir von meinem ersten Abend vorallem eins in Erinnerung geblieben. Die Aufforderung meiner Hostmum, doch auf jeden Fall einen Untersetzer mitzunehmen, wenn ich Wasser in meinem Zimmer trinken möchte, sonst könnten ja Abdrücke auf dem Holz zurückbleiben. Es war ein kleiner Moment, eine unbedeutende Regel und doch wurde mir in diesem Moment eines bewusst: Du bist hier in einem neuen Leben. In einer Familie, die ihr eigenes Leben hat, ihre eigene Vergangenheit, Traditionen, Erinnerungen, Regeln, Aktivitäten. Du bist die Neue, die sich in all das einfinden muss, die lernen muss, kein Plastik in die Mikrowelle zu stellen, die Bücherei zu finden, sich Vorlieben und Abneigungen der Kinder zu merken, wie die Kuscheltiere heißen, wem welcher Teller gehört.

Ich habe das geschafft. Es war nicht immer einfach, ich war oft überfordert, verzweifelt, unsicher. Und ich wäre sicher nicht an diesen Punkt gekommen, an dem ich mich als ein Familienmitglied fühle, an dem ich an drei „fremden“ Orten zuhause bin, wenn ich nicht eine Gastfamilie wie meine hätte. Eine Gastfamilie, deren „How are you?“ nicht nur eine Phrase ist. Die unendliche Geduld hatte, wenn ich mich auch nach dem vierten Mal Erklären nicht an den Schulweg erinnerte. Die mir von Anfang an vertraute, mich nach zwei Wochen anderthalb Stunden mit ihrem Auto nach Boston fahren ließen, aber auch einfach mal mit neuen Situationen ins kalte Wasser schmissen.Snacktime

Solche Gastfamilien braucht man. Und dabei ist es egal, ob sie in Kalifornien, New York oder Ohio leben. Es ist egal, ob sie zwei oder fünf Kinder haben. Egal, ob man ein eigenes Bad hat oder einen Pool im Garten. Denn letztendlich ist man immer „die Neue“, die sich in ein bestehendes Familienleben einfügen muss, egal wie schön und perfekt dieses von außen wirkt. Das ist nicht einfach. Und das ist alleine nicht möglich. Man kann nicht alleine zu einer Familie werden.

Deshalb bin ich auch seit über einem Jahr schon hier, habe verlängert, bin glücklich. Nicht, weil ich die perfekte Gastfamilie habe (perfekte Familien gibt es meiner Meinung nach nicht, genauso wenig wie perfekte Menschen). Sondern weil ich meine Gastfamilie habe. Die Familie, die mich aufgenommen hat, die mir drei neue Zuhause gegeben hat. Dank der ich immer Untersetzer unter meine Gläser lege und ein bisschen Ukulele und Klavier spiele. Zu der ich gehöre.

Unter dem Tag Franzis Welt findest du alle Beiträge von Franzi, die in unserem Blog veröffentlicht werden.

Franzi beitreibt einen eigenen Blog. Schau mal rein um noch mehr aus ihrem spannenden Leben zu erfahren: https://franziefliegt.wordpress.com/

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