„America, you got me back“ – Ein Au Pair besucht die Gastfamilie

Natalie hat ein Jahr als Au Pair in Boston verbracht. Mittlerweile ist sie seit einem Jahr wieder zurück in Deutschland. Vor kurzem hat sie ihre Gastfamilie in den USA besucht und erzählt  von ihrem Wiedersehen.

„Hello little lady, welcome to the US”, begrüßt mich der freundliche Officer bei der Immigration. „Thank you Sir“. Endlich wieder Englisch sprechen, denke ich, und weiter, beinahe ein ganzes Jahr auf den Tag genau ist es her, seit ich mein amerikanisches Zuhause in Boston und meine Gastfamilie zurückgelassen habe. Zwischen dem 21. August 2015 und diesem Moment, scheint eine Ewigkeit zu liegen. Eine andere Stadt mit neuen Freunden, einer eigenen Wohnung, bisher unbekannten Aufgaben, Entscheidungen und Fehlern.

Ein Weihnachten, ein Geburtstag und ein Sommer später stehe ich am Boston Logan Flughafen und fühle mich nicht weniger aufgeregt als damals, als mein Abenteuer Auslandsjahr begann.
Der Officer holt mich aus meinen Gedanken. Er hat offensichtlich mein abgelaufenes Visum im Reisepass entdeckt. Wieder lächelt er. „Or should I say: Welcome back little lady“.  Drei Fragen und ein Kopfnicken später, wird es ernst. Einige Meter noch… und da stehen Sie: Meine Gasteltern, meine zwei Kleinen und ein Baby, das kein Baby mehr ist. Für einen Augenblick genieße ich die Tatsache, dass mich noch niemand entdeckt hat. Alles wie immer, denke ich und meine Aufregung legt sich sofort. Ehe ich mich versehen kann, rennen zumindest zwei Kinder auf mich zu und ich könnte glücklicher nicht sein.

In den nächsten Tagen verbringe ich jede freie Minute mit der Familie und genieße es, dass die zwei Großen wie Kletten an mir hängen. Auf einmal macht es mir nichts mehr aus um 6:30 Uhr von Kindergeschrei geweckt zu werden, und ich kann darüber lachen wenn einer der zwei mit einem Fünf-Cent-Stück die Badezimmertür öffnet und damit meine einst so dringlich geforderte Privatsphäre stört. Nicht viel denken! Unter diesem Motto scheint mein Aufenthalt hier zu stehen. Aufstehen, Frühstücken, Spielen, Aufräumen. Alles Routinen, die ich kenne und die mir im vergangenen Jahr oft so lästig vorkamen.“Ich will wieder etwas Richtiges lernen und nicht den ganzen Tag volle Windeln wechseln und verschüttete Milch aufwischen“, war damals mein Argument. Jetzt kommt es mir erholsam vor, mich für einige Tage nicht mit Mathe, Miete und Mensaessen zu beschäftigen und stattdessen völlig in die unschuldige und bunte Welt der Kinder einzutauchen.

In den ruhigeren Momenten vergleiche ich gedanklich mein Leben als Student mit dem als Au Pair. Hier in Amerika hat mein Reisepass nie die Chance bekommen, im Regal einzustauben. Portland, Miami, New York, San Francisco… Eine lange Reihe an Abenteuern, die immer noch darauf warten, erzählt zu werden und ihre Wertschätzung, die irgendwo unterwegs verloren gegangen ist.

Rückblickend kommt es mir dennoch so vor, als hätte ich die zur Verfügung stehende Zeit nicht ausgekostet und zu viele Sonntage im Bett verbracht. Bei all den Abenteuern im letzten Jahr finde ich mein Leben in Deutschland vergleichsweise langweilig. Ein bisschen fühlt es sich an wie die Unterbrechungspause während einer spektakulären Zirkusvorstellung, in der schon klar ist, dass die zweite Hälfte der Ersten unmöglich gerecht werden kann.

Das Eintauchen in mein altes Leben, wird durch die wenigen Veränderungen in den Routinen der Familie erleichtert. Einen kleinen Stich versetzt mir aber die Erkenntnis, dass der jüngste der Familie, den ich seit seinem ersten Tag kenne, mich nicht mehr kennt. Wenngleich ich nichts anderes erwartet hatte, fühle ich mich unbeholfen, als er weint, weil seine Mutter ihn für fünf Minuten mit mir alleine lässt.

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Das Schließen meines heiß geliebten Eisladens und das Sterben des Nachbarhundes sind viel greifbarere Veränderungen über die ich nach kurzem Gejammer hinweg bin. Die Tage in Amerika vergehen rasend schnell. Es ist brütend heiß, was meinem Dasein auf eine verdrehte Art an Intensität verleiht. An den Tagen, an denen ich alleine nach Boston fahre, ist mein einziges Ziel die Stadt, auf meiner To-Do Liste: Nichts. Laute Sirenen, unzählige Menschen, die sich in den Zügen mit ihren verschwitzen Händen um die Haltestangen streiten, der Geruch von Abwasser und verbrannten Hotdogs, das Geschrei der Kinder die im Teich des Boston Common plantschen, der Geschmack meines San Pellegrino Orange, die müden Gesichter vieler Menschen, die das Grünwerden der Ampeln nicht abwarten wollen… Das alles kommt mir schön vor, echt und einzigartig und mir wird klar, wie sehr mir diese Stadt und ihre Menschen gefehlt haben.

Das unbeschwerte Zusammenleben mit der Gastfamilie, meine überraschend gute Orientierung in Boston und etwas eingerostete, aber dennoch akzeptable Englischkenntnisse hätten mir das sofortige Weiterführen meines Au Pair Aufenthalts leicht gemacht. Das wirft die Frage auf, ob ich während meines Besuches über eine Rückkehr in mein altes Leben nachgedacht habe. Ja habe ich, und Nein, ich bleibe ein Student dem, Mathe, Miete und Mensaessen gar nicht mal so viel ausmachen. Das Au Pair Jahr soll neben ein paar Routinen aufregend und abwechslungsreich sein und wenn der Reisepass nicht einstaubt, hat man alles richtig gemacht. Das beutet aber nicht, dass alles was zurück in der Heimat folgt, kein Potenzial hat unvergesslich zu werden. Eine wertvolle Erfahrung für mich war, zu erleben, dass es mindestens genauso lange dauert, bis man sich in Deutschland wieder heimisch fühlt, wie es gedauert hat, bis man sich in Amerika nicht mehr fremd fühlt.

Was mich betrifft, ich mag mein Leben in Deutschland, auch wenn es von Weitem betrachtet sicherlich ein kleines bisschen weniger glitzert. Mit der Familie wird mir das Kontakthalten nicht schwer fallen und Boston…“It´s always just a plane ride away“.

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